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Random quote: "Kein größerer Schaden kann einer Nation zugefügt werden, als wenn man ihr den Nationalcharakter, die Eigenheit ihres Geistes und ihrer Sprache nimmt." Immanuel Kant
- (Added by: Tomas Baranauskas)


The Lithuanian Migration
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Lutz Szemkus
Posted 2004-02-26 00:11 (#1850)
Subject: The Lithuanian Migration


Russian-Lithuanian claims regarding the territory of Lithunania Minor (a recent example is the Baranauskas site http://www.kleinlitauen.de.vu ) as native Lithuanian settlement area are based on the works of Alfred Bezzenberger. who misguidedly took abounding Lithuanian place names as evidence of a Lithuanian "Urheimat" in northern East-Prussia. Bezzenberger's error -he was not alone, see also Kurschat's foreword in the thread below- was later corrected by the works of Paul Karge and Hans Mortensen. The following article outlines Mortensen's findings.
Lutz Szemkus


Die litauische Wanderung

Von Hans Mortensen, Göttingen1).

Mit 1 Tafel. Vorgelegt durch Ed. Hermann in der Sitzung am 13. Januar 1928.

Eine wichtige Feststellung ostpreußisch-baltischer Siedelungskunde ist das Ergebnis, daß ein Teil der baltischen Völker , ins­besondere auch die Litauer, ihre heutigen Wohnsitze erst in er­staunlich junger Zeit eingenommen haben. Diese Erkenntnis ist ganz jungen Datums. Bis 1920 war der Standpunkt der Forschung der. daß die baltischen Völker, and zwar ausdrücklich auch die Litauer, seit uralten Zeiten in ihren heutigen Wohnsitzen leben. Als uralte Westgrenze der Litauer gegen die westlich angren­zenden Preußen galt eine Linie, die von Labiau nach Südosten an Wehlau vorbei ungefähr auf Rastenburg zu verläuft. Die dies­bezüglichen, schon seit 1882 veröffentlichten Ergebnisse Bezzenbergers schienen abschließenden Charakter zu besitzen und sind bis vor kurzem nicht angegriffen worden.

Erst die exakte historische Forschung hat hier einen Wandel der Anschauungen bewirkt. In einer im Frühjahr 1919 bei Professor Brackmann (damals Königsberg) begonnenen Dissertation konnte nachgewiesen werden, daß die Schalauer und Sudauer, die östlich der Bezzenbergerschen Linie saßen, nicht litauischer Nationalität waren, sondern als Stämme der Preußen zu betrachten sind. Nach dem Verschwinden dieser Völker breitete sich in ihrem Wohn­raum die Wildnis aus, die erst später, ungefähr von der Mitte des 15. Jahrhunderts ab. von Osten her durch die Litauer besiedelt wurde l). Mit dem .Beweise jugendlicher litauischer Einwanderung nach Ostpreußen war die Urheimatstheorie der Litauer für den litauisch besiedelt gewesenen Teil Ostpreußens widerlegt und hatte im ganzen einen empfindlichen Stoß erhalten. Schnell folgten die neuen, durch die irrtümliche Hypothese Bezzenbergers nicht mehr belasteten Erkenntnisse. Durch sprachliche Untersuchungen konnte Gerullis (1921)") für die Sudauer, Trautmann (1924)3) für die Schalauer das historische Ergebnis bezüglich der preußischen Natio­nalität bestätigen. Buga zog (1922)*) auf sprachlichem Wege den Schlu!uß. daß nicht nur die Litauer nach Ostpreußen, sondern über­haupt die Letten (im weiteren Sinne) und Litauer in ihre heutigen Wohnsitze erst in ganz junger Zeit (vom (6. Jahrhundert ab) ein­gewandert seien. Er hatte schon früher (1913)5) das Ergebnis der Arbeiten von Kocubinskij, Pogodin und Karskij bestätigt, daß in früherer Zeit das baltische Wohngebiet wesentlich weiter nach Osten gereicht habe, hatte jedoch, offenbar unter dem Einflüsse der Anschauungen Bezzenbergers, noch nicht die richtigen Folge­rungen daraus gezogen. Karge betrachtete 1925 die Verhältnisse unter dem Gesichtswinkel deutscher Kolonisation0). Vasmer stellte (1926) die neuesten Ansichten in den Rahmen seiner Anschauungen über die Urheimat der Slaven, und ich selbst konnte in einer

Landes­kunde von Litauen die Verhältnisse im Norden Litauens in ähn­licher Weise klar legen, wie es Gertrud Mortensen für den Westen

getan hatte.

Überraschend schnell hat sich somit die Erkenntnis Bahn ge­brochen, daß die Balten keineswegs durchweg im Schutze un­durchdringlicher Wälder oder aber des Baltischen Höhenrückens von den Stürmen der Völkerwanderung unberührt geblieben wären , sondern daß sie, wie wir heute mit Sicherheit sagen können, selbst an der Völkerwanderung teilgenommen haben, d. h. zum Teil erst durch eine sehr jugendliche (vgl. u.) Wanderung in ihre heutigen Wohnsitze gekommen sind. Es scheint mir, als ob die Forschung im Augenblick an einem Punkte angekommen ist, wo ein Über­blick über die bisherigen Ergebnisse und ein Ausblick auf die noch zu lösenden Probleme lohnend ist. — Wie sind nun, über­sichtlich und unter zusammenfassendem Gesichtspunkte betrachtet, die Verhältnisse im Einzelnen?

Für den Zustand um 500 n. Chr. gibt uns die von Buga entworfene, 1924 mit einem deutschen Begleittext (a. a. 0.) erschie­nene Karte Auskunft. Wenn auch die Einzelheiten der Karte noch recht hypothetisch sind und der Korrektur bedürfen, so ist doch gesichert der gegenüber dem heutigen Wohngebiet zentrale Wohnraum baltischer Völker einschließlich der Litauer in der Gegend von Smolenak-Minsk und westlich davon. Ob die weitgehende Aufspaltung in einzelne Völker bereits für die Zeit um 500 n. Chr. zutrifft, wie es Buga zeichnet, scheint aller­dings fraglich. Die Darstellung Vasmers, der für die Zeit 400 n. Chr. in der Gegend von Minsk-Smolensk einfach „Balten" angibt (a. a. 0.), dürfte auch für die Zeit um 500 n. Chr. das Richtige treffen. Wenn man die (östlichen) Galinder der Vasmerschen Karte noch hinzu­nimmt3), so hat das baltische Siedelungsgebiet um 500 sogar bis in die Gegend von Moskau gereicht. Ostlich der Weichsel bis zur Memel dürften schon damals die Preußen gesessen haben, die sich parallel mit dem Abziehen der Germanen bis zur Weichsel ausdehnen konnten.



Über die damalige Bevölkerung der heutigen baltischen Wohn­sitze in der weiteren Umgebung des Rigaischen Meerbusens wissen wir nichts Genaues. Buga zeichnet dort finnische Völker: Vasmer (a. a. 0.) und auch Gerullis halten diese Ansicht eben­falls für wahrscheinlich.

Der erste sichere Zustand nach dieser ungefähr in den Beginn des 6. Jahrhunderts zu legenden Völkervertcilung ist eigentlich erst das Jahr 1400. Das erscheint vielleicht, gemessen an den west- und süddeutschen Verhältnissen, sehr spät. Wir dürfen je­doch nicht vergessen, daß wir uns, sieht man von den vereinzelten und ganz zufälligen Angaben landfremder Chronisten ab, noch zu Beginn des 13. Jahrhunderts im Baltikum voll in der Prähistorie befinden.

Um 1400 verläuft die Westgrenze des litauischen Siedelungslandes von südlich Grodno auf das Memelknie bei Grodno zu, von Grodno aus die Memel abwärts über Kowno bis zur Dubissa-Mündung, die Dubissa aufwärts bis ungefähr in die Gegend von Butkischke, von dort, die Dubissa verlassend, in nordwestlicher Richtung, am Südrand Hochzemaitens entlang, bis in die Gegend von Kvedarna. Von dort verläuft sie im Bogen über Twer nach Medingenai, wo sie nach Osten umbiegt und zur Windan geht. Dieser Verlauf der Westgrenze wird durch die Verteilung der mittelalterlieben Kirchengründnngen in Litauen und durch die Anordnung der von Kriegszügen heimgesuchten Ge­biete bestätigt. Die Nordgrenze verläuft von Medingenai über Lukniki (Luoke), umfaßt im Bogen das Siedelungsgebiet von Schaulen, hat dann eine weite, fast kreisförmige Einbuchtung nach Süden bis in die Gegend von Betygala. von dort nach Osten und westlich der Nevezys nach Norden bis hart nordwestlich Poniewiez (Panevezys). Östlich Panevczys haben wir wieder eine starke Ausbuchtung bis südlich Seta, von wo die Grenze nach Nordosten und schließlich über ungefähr Utena nach Osten bis nördlich Svenzionys vorläuft. Außerhalb des litauischen Siedelungsland befand sich um 1400 längs der gesamten Grenze ein mehr oder minder ausgedehntes Wilduisgebiet.

Sehen wir uns nun die Anordnung des litauischen Siedelungslandes und der Wildnis v o m g e o g r a p h i s c h e n G e s i c h t s p u n k t aus an, so erkennen wir verschiedenes Interessante. Das litaui­sche Siedelungsland ist im ganzen, das ist wohl das Hervor­stechendste, ein diluviales Hügelland, zum größten Teile Endmoränen- oder kuppige Grundmoränenlandschaft. Es weist in­folgedessen durchschnittlich verhältnismäßig leichten Boden auf und ist in jedem Fall ausgezeichnet entwässerbar. Die Bearbeitung des Bodens ist mit den einfachsten Mitteln möglich; das Gebiet als Ganzes ist für den damaligen Kulturstand der Bewohner ein ausgezeichnetes Siedlungsgebiet gewesen .

Zwar ist das ganze, an das litauische Siedelungsland im Westen und Norden angrenzende Gebiet überwiegend eben, ziem­lich feucht und daher weniger siedelungsfreundlich; doch haben wir an manchen Stellen keinen Unterschied zwischen den Gebieten außerhalb und innerhalb der Grenze. Wenn wir ehrlich sein wollen, können wir mit der Geeignetheit für die Bewirtschaftung als Er­klärung für die Gesamtausdehnung des litauischen Siedelungsraumes von 1400 nicht so sehr viel anfangen, wie ich früher dachte, als ich die Verhältnisse im Norden noch nicht kannte.

Daafür haben wir den Gegensatz der Besiedelung hügeligen und leicht entwässerbaren Bodens zu schlecht entwässerbarem Boden innerhalb des litauischen Siedelungsraumes als Gegen­satz zwischen Wald und Siedelungsland außerordentlich scharf ausgeprägt. Ein merklicher Teil der innerlitauischen Siedelungsinseln schließen sich eng an die diluvialen Höhenzüge an, seien es Endmoränen oder Osar, oder auch andere Hügelgruppen.

Neben diesem Zusammenhang zwischen Siedelungsflächen und Höhenzügen ist noch ein anderer Zusammenhang zwischen den inner­litauischen Siedelungsflächen um 1400 und den natürlichen Ver­hältnissen außerordentlich auffallend. Man findet nämlich, daß ein ebenso erheblicher Teil der Siedelungsinseln. und zwar ziem­lich alle Flächen, die sich der bereits erwähnten Gesetzmäßigkeit nicht fügen, sich außerordentlich eng an die Flußlinien an­schließen. Der Zusammenhang ist z. T. recht einfach darin be­gründet, daß die Nähe fließenden Wassers jedem Siedler Vorteile bot. Es ergibt sich aber noch als sehr wahrscheinlich, daß wir in dieser Siedelung längs der Flüsse eine Auswirkung der litauischen Einwanderung vor uns haben. .Jedes Volk hält sich in einem Urwaldgebiet, und als solches dürfen wir das Gebiet vor der letzten kontinuierlichen Besiedelung wohl betrachten, eng an die Flüsse und Bäche. Sie ermöglichen ihm den Eingang, das weitere Vordringen und auch allein die Orientierung. Wir finden das in den meisten Urwaldgebieten noch heute. Eine Besiedelung in den heutigen Urwaldgebieten geht entweder von der Quelle aus flußabwärts oder aber von der Mündung aus flußaufwärts, auf jeden Fall kaum quer zum Verlauf der Flüsse.

Aus der Tatsache der Einwanderung längs der Flüsse läßt sich auch der Charakter der Namengebung der litauischen Flüsse erklären. Edward Schröder bezeichnet es dort, wo die Flüsse nicht Leitlinien des Verkehrs oder der Siedelung sind, als die Regel, daß ein Fluß längs seines Laufes den Namen wechsele, weil den Anwohnern des einen Flußabschnittes der an anderer Stelle übliche Name nicht bekannt sei. In Litauen führen m. W. alle Flüsse längs ihres Laufes den gleichen Namen, eben weil sie die Leitlinien der Besiedlung sind. Die Bevölkerung, die dort den Namen am Unterlaufe gab, war selbst vom Oberlaufe gekommen (oder aber umgekehrt); sie konnte über den Zusammenhang der einzelnen Flußstücke desselben Flusses nicht im Zweifel sein . Jetzt, nachdem wir den Schluß auf Einwanderung längs der Flüsse gemacht haben, können wir auch den eigentlichen Zu­sammenhang der Grenze des litauischen Siodelungsraumes von 1400 mit den natürlichen Verhältnissen erkennen und begründen. Wir sehen nämlich, daß die Grenze sich überall in her­vorragender Weise mit der Wasserscheide des Ein­zugsgebiets der mittleren Memel deckt, sie zum min­desten an keiner Stelle merklich überschreitet. Die Überein­stimmung ist auch dort vorhanden, wo die Wasserscheide aus mor­phologischen Gründen auffallende Ausbuchtungen besitzt. Nur an einigen Stellen füllen die Litauer um 1400 das Memeleinzugsgebiet nicht völlig aus (vgl. unten). Auch dort, wo die Siedelungsgrenze längs der Memel verläuft, können wir, ohne uns mit den historischen Feststellungen in Widerspruch zu setzen, die Überein­stimmung mit der Wasserscheide als wahrscheinlich annehmen, denn gerade dort befindet sich die Wasserscheide der zur mitt­leren Memwl und der von dort weg zur unteren Mernel fließenden Gewässer in unmittelbarer Nähe der Memel.

Der Zusammenhang des litauischen Siedelungsgebietes mit dem Memeleinzugsgebict ist nicht so mystisch, wie es auf den ersten Anblick erscheinen könnte. Wer in Urwaldgebieten gereist ist, weiß, daß es tatsächlich einen gewissen Entschluß bedeutet, den Leitfluß, dem man gefolgt ist, an seiner Quelle zu verlassen; denn mit dem Augenblick wird die Orientierung unsicher, man kommt in ein Gebiet, das man nicht kennt und aus dem man sich nicht mit Sicherheit an seinen Ausgangspunkt zurückfinden kann. Wenn man nun noch beachtet, daß in sehr vielen Fällen die Wasser­scheiden besonders schlecht entwässert und damit siedelungsfeindlich sind, so wird man sich über die enge Anlehnung der alten litauischen Siedelungsgrenze an die Wasserscheide nicht mehr wun­dern. Da Wasserscheiden auch in Altpreußen Siedelungsgrenzen gewesen sind, scheint es sich dabei um eine Gesetzmäßigkeit aller­erster Ordnung zu handeln. Wir dürfen es als ein allgemeines Gesetz im baltischen Gebiet hinstellen, daß die Flüsse die Leitlinien der Besiedelung, die Einzugsgebiete Wohn­gebiete einheitlicher Völker und die Wasserscheiden Grenzen des Volksraumes waren. Womit natürlich nicht gesagt ist, daß in einem zu großen Einzugsgebiet nicht mehrere Völker gewohnt haben können: jedoch dann in der Weise, daß die Völker sich längs des jeweiligen Hauptflusses hintereinander anordneten.

Mit dieser Kenntnis versehen können wir jetzt an die Betrach­tung der Verhältnisse in der Zeit vor 1400 gehen. Wir müssen dazu erst einmal feststellen, daß die litauische Siedelungsgrenze von 1400 kaum uralt gewesen ist (vgl. jedoch unten Anm. 1), da wir ja eingangs gesehen hatten, daß die Litauer wahrscheinlich 900 Jahre früher an ganz anderer Stelle, nämlich im Quellgebiet des Dnjepr und der anderen nach Süden gehenden Flüsse, gesessen haben. Andererseits dürfen wir jedoch auch nicht sagen, daß die 1400-Grenze überhaupt nur ein zufällig erfaßter Augenblickszustand ist. Zwar zeichnet Buga auf seiner Karte von 1200 (1924 a. a. O.) die Grenze des litauischen Volkes etwas anders, und zwar im Westen weniger weit im Sinne des litauischen Vordringens, als wir für 1400 erkannt haben. Doch gibt er dafür keine Be­weise, und aus den Urkunden usw. läßt sich auch keinerlei Beweis dafür finden. Der einzige erkennbare Beweis scheint mir der Name Zemaiten für eine später im Hochlande befindliche Bevölkerung zu sein, und diesen Beweis habe ich bereits an anderer Stelle ent­kräftet (Litauen S. 83 f.). Eher deuten die Quellen aus der Zeit vor 1400 immer wieder darauf hin, daß eine Verschiebung des litauischen Wohnraumes zwischen 1200 und 1400 nicht stattge­funden hat. Die Tatsache, daß die Grenze von 1400 so ausge­zeichnet natürlich bedingt ist und einen natürlichen Wohnraum umschließt, läßt es ebenfalls wahrscheinlich erscheinen, daß die Grenze um 1400 bereits seit längerer Zeit konstant war. überdies ist es sehr bemerkenswert, daß wir noch am heutigen litauischen Siedelungsbilde gerade das vor 1400 und das kurz nach 1400 be­siedelte Gebiet sehr deutlieh unterscheiden können. Das wäre, da nach 1400 die Grenze bald überschritten wurde (vgl. unten S. 191 ff.), kaum der Fall, wenn die 1400 - G r e n z e nicht vor 1400 gegen­über allen anderen Z w i s e h e n s t a d i e n besonders lange bestanden hätte.

Außerhalb des litauischen Siedelungslandes interessiert uns in erster Linie das Gebiet im Westen, das einen erheblichen Teil des heutigen Ostpreußen in sich begreift. V o n d e r W e i c h s e 1 im Westen bis zur Alle und Deime im Osten erstreckte sich, nach dem Abzüge der Germanen aus den westlichsten Teilen, dichtes preußisches Siedlungsgebiet. In dem Gebiet öst­lich davon saßen vor der Ankunft des Deutschen Ordens die eben­falls preußischen Nadrauer, Schalauer und Sudauer. und zwar die Sudauer westlich der mittleren Memel, nach Ostpreußen in das heutige Masuren hineinreichend, die Schalauer beider­seits der unteren Memel und die Nadrauer am oberen 1P r e g e 1 und dicht öst1ich der Deime und A11 e. Jm ganzen ist die Besiedlung des gesamten östlichen Ostpreußen bereits vor der Mitte des I3. Jahrhunderts, also vor dem Eingreifen des Ordens, sehr lückenhaft, und weite Gebiete dürften Wildnischarakter be­sessen haben. Für die Schalauer und die Nadrauer ist es über­haupt fraglich, ob sie jemals ein ausgedehnteres Wohngebiet be­saßen. Von den Sudauern wissen wir, daß sie mehrere Jahrhun­derte vor dem Eingreifen der Ritter ein recht mächtiges Volk ge­wesen sein müssen. Der nadrauische Wohnraum bleibt die ganze Ordenszeit hindurch der gleiche; er ist als östlichster Teil des geschlossenen preußischen Siedelungslandes zu betrachten. Die Schalauer scheinen noch während der Ordenszeit an Siedelungs­fläche zu verlieren. Gegen Ende des 14. Jahrhunderts werden Schalauer nur noch als Bevölkerung von Vorburgen an der Memel erwähnt; eine eigentliche schalauische Siedelungsfläche ist kaum mehr vorhanden. Die Sudauer verschwinden binnen kurzem völlig, und um 1300 dehnt sich auch auf ihrem Gebiete die siedlungsleere Wildnis aus. Die Karsovier westlich der unteren Du-bissa sind ein sehr problematisches Volk. Vermutlich waren sie keine Litauer. Sie sind ziemlich sofort nach ihrem ersten Auf­treten in der Geschichte aus unserm Gesichtskreis verschwunden, und ihr Gebiet wird Wildnis.

Sehen wir uns die Verhältnisse weiter im Norden an. Dort haben wir in der Zeit vor 1400 die geheimnisvollen Landschaften Pilsaten, Megowe, Duvzare und Ceclis. Sie sind von livischen bezw. finnischen2) oder aber baltischen3) Kuren bewohnt gewesen. Endzelin unterstellt offensichtlich eine kontinuierliche Besiedlung dieser Landschaften. Dieses letztere trifft allerdings nicht zu, sodaß wir über die Nationalität der alten Bevölkerung hier vor­läufig nichts Genaues sagen können. Die vier Landschaften sind auf jeden Fall nach Ausweis der prähistorischen Funde noch um das .Jahr 1000 besiedelt gewesen. Aus den Urkunden ergibt sich jedoch mit großer Deutlichkeit, daß sie in der Mitte des 13. Jahr­hunderts unbesiedelt gewesen sind. Die letzte Phase der Entsiedlung wird uns in der Livländischcn Reiinchronik berichtet. Die Landschaften bleiben bis mindestens 1392 Wildnis. Soweit wir in dieser Zeit von Kuren hier erfahren, handelt es sich um eine wahrscheinlich nicht seßhafte, ausgesprochene Kustenbevölkerung"). Da Ceclis den litauischen Wohnraum nicht nur im Westen, sondern auch ein Stück im Norden umschließt, so grenzt auch hier im westlichen Norden das litauische Siedlungsland um 1400 an eine Wildnis.

Für den mittleren Norden (Gegend nördlich Schaulen) sind wir nicht so genau orientiert wie tür die vorhergehenden, im we­sentlichen nach den Ergebnissen von Gertrud Mortensen (a. a. O.) dargestellten Gebiete. Zwar können wir gerade dort die litauische Nordgrenze besonders genau angeben, doch wissen wir nicht ganz sicher, wie das Land nördlich davon im Wandel der Zeit ausge­sehen hat. Eine lettische Bevölkerung, und zwar Semgalen, dürfte dort stellenweise, z. B. in der Gegend von Ligumai, gesessen haben. Eine merkliche Lückenhaftigkeit der Besiedlung ist je­doch auch dort wahrscheinlich, wie man bei genauerer Durchsicht der dies Gebiet betreffenden Angaben Bielensteins (a. a. O.) erkennt. Der Wildnischarakler der auffallenden Ausbuchtung südöstlich von Schaulen (vgl. Kartenskizze) wird durch einen Wegebericht bestätigt.

Wesentlich gesicherter sind die Verhältnisse wieder im Nord­osten. Dort haben zu einer Zeit vor 1400 Selen gesessen, wie der selische Charakter einer Anzahl dortiger, in den Mindoweschen Schenkungen4) erwähnter und zum Teile heute noch bestehender Ortsnamen erweist. Aus den Mindoweschen Schenkungen ist nicht nur das Selenland in seinem ungefähren Umfange zu erkennen, sondern wir können die Südgrenze mit völliger Sicherheit ablesen.

Im östlichen Teil, südwestlich Dünaburg. decken sich die süd­lichsten der angegebenen Örtlichkeiten genau mit der Nordgrenze des litauischen Gebietes! Um 1400, genauer um 1411, haben wir nach der ganz eindeutigen Beschreibung Gilberts de Lannoy dort völlig siedelungsleere Wildnis.

Dieser Teil des ehemaligen Selengebietes gehört noch zum Memeleinzugsgebiet. Dort konnten jedoch die Litauer erst ein­rücken, nachdem die Selen verschwunden waren. Daß die Litauer das nicht sofort taten, sondern dieses Gebiet erst zur Wildnis werden ließen, ist ein weiteres Anzeichen dafür, daß die 1400-Grenze der Litauer schon längere Zeit bestanden und eine erheb­liche Konstanz erreicht hatte.

Zwischen dem östlichen Selenlande und dem Gebiet westlich der Nevezyis wird die selische Südgrenze, wie sie aus der Min­doweschen Schenkung von 1259 erkennbar ist. durch eine aus spä­terer Zeit (wahrscheinlich 1392) stammende Notiz über die Grenze des Selenlandes3), abgesehen von ganz kleinen Differenzen, bestä­tigt. Sie folgt auch hier ziemlich genau der litauischen Nord­grenze. Nur eine Einbuchtung des litauischen Siedelungslandes wird abgeschnitten; dort ist die litauische Nordgrenze auf andere Wreise bestätigt. Zur Grenzfestlegung werden hier in den Quellen nur Flußnamen benutzt, und es ist besonders reizvoll zu erkennen, daß es sich von der Sventa bis zur Musza im Westen stets um auf der Wasserscheide zum Memeleinzugsgebiet entspringende Q,uellflüsse des nach Norden entwässernden Lawena-Musza-Systems handelt. Auch dort ist das der Kali, wo die Wasserscheide weit nach Süden in das Nevezys-Becken (Memeleinzugsgebiet) eingreift. Wir haben hier das Spiegelbild zu den Verhältnissen an der Szoja.



Für diesen westlichen Teil des Selenlandes haben wir allerdings keine ausdrückliche Bestätigung, daß das Gebiet längs des litaui­schen Siedelungslandes um 1400 Wildnis ist. Wir können es hier eigentlich nur aus dem Fehlen alter Kirchengründungen erschließen. Immerhin halte ich es. da auch sonst keinerlei Angaben über Sie­delungen in dieser (im Interessengebiete des Ordens liegenden) Gegend bekannt sind, für sehr wahrscheinlich, daß der für den Ostteil des Selenlandes erwiesene Wildnischarakter um 1400 auch für den Westteil zutrifft.

Wann hier der Vorgang der Wildniswerdung eingetreten ist, ist nicht bekannt. Zwar hat es im 13. Jahrhundert noch Selen gegeben1); doch scheint es, als ob diese sich mehr im nördlichen Teile, in unmittelbarer Nähe der Düna gehalten haben. Zwei Ur­kunden vom Jahre 12982) erwähnen den bischöflichen Anteil der Landschaften Semigallia, Nalexe und Therakoe-Gerze (nach den Lokalisierungen Bielensteins offenbar Gebiete der Semgallen und Selen) als „desolatae penitus annis pluribus et destruetae" infolge der übermäßigen Einfälle der Heiden (also der Litauer). Es ist das zwar allein für sich genommen kein ausreichender Beweis, daß der bischöfliche Anteil dieser Landschaften wirklich völlig entvölkert war; immerhin ist dies nach Analogie anderer Landschaften, die in den Quellen in ähnlicher Weise charakterisiert sind, recht wahr­scheinlich3). Wir würden dann den Beginn der Wildniswerdung des Selenlandes mindestens in das 13. Jahrhundert hinauf'rücken können.

Fassen wir noch einmal zusammen, so haben wir das Bild, daß v or 1400 eine Anzahl von Völkern an das litauische Siedelungsgebict stoßen. Alle diese Völker, mit Ausnahme des Teiles der Selen, der gerade noch den Rand innehat, sitzen außerhalb des Einzugsgebiets der Memel. Alle diese Völker sind in dem Augen­blicke, wo sie in das Licht der Geschichte treten, nicht sehr volk­reich. Zum größten Teile haben sie schon vor der Ordenszeit einen erheblichen Bevölkerungsrückgang erlitten. Sie vermehren sich nicht mehr, sondern verschwinden mit wenigen Ausnahmen völlig. Auf ihrem Gebiete dehnt sich, soweit sie nicht schon vorher bestanden hat, mit Ausnahme ganz geringer Siedelungsflächen in Semgallen, die siedelungsleere Wildnis aus, die um 1400 den litauischen Siedelungsräum im Norden und Westen so gut wie lückenlos umgibt.

Jetzt, wo wir wissen, daß vor dem Beginn der historischen Zeit andere Völker den Litauern dicht benachbart waren, haben wir im übrigen einen weiteren, und zwar den unmittelbaren Grund dafür, weshalb die Litauer die Wasserscheide nicht über­sehritten haben, nämlich den, daß dort zu der Zeit, als die Litauer bis zur Wasserscheide vordrangen, jenseits derselben bereits andere Völker gesessen haben. Der Zusammenhang zwischen Fluß-Einzugs­gebieten und Wohnräumen bleibt natürlich bestehen, denn es ist in gleichem Maße bemerkenswert, daß eben diese den Litauern benachbarten Völker uns genau in dem Augenblicke zu Gesicht kommen, wo sie sich gerade außerhalb der Wasserscheide des den Litauern gewissermaßen zukommenden Einzugsgebietes der mitt­leren Memel befinden.

Daß die das litauische Wohngebiet im Westen und Norden umgebenden Völker im ganzen nicht sehr volkreich waren, ist nicht verwunderlich, da es, wenn auch nicht überall, mit der ein­gangs dargestellten Ungunst ihres Gebietes zusammenhängen mag. Viel geheimnisvoller ist das Aussterben dieser Völker vor 1400, das in vollem Gegensatz steht zu der Expansionskraft, die die Litauer besitzen und nach 1400 zeigen (s. unten). Man findet, zum Teil im Anschluß an chronikalische. Mitteilungen, in der Lite­ratur die Meinung, daß die Nadrauer, Schalauer und Sudauer im wesentlichen in den Kämpfen mit dem Orden zugrunde gegangen seien. Wir haben oben schon gesehen, daß das nicht zutrifft, überdies ist es auf jeden Fall bemerkenswert, daß das Aussterben oder Stagnieren fast alle nicht litauischen Völker betroffen hat, auch diejenigen Preußen, die seit dem Ende des 13. .Jahrhunderts befriedet waren. Denn auch für diese ist es nach den Verhält­nissen im Samlande wahrscheinlich, daß sie von 1400 an einen geradezu katastrophalen Bevölkerungsrückgang erleben. Nach alledem kann ich mich, in Übereinstimmung mit Gertrud Mortensen, deren diesbezügliche Ansichten ich selbst ursprünglich ablehnte. nicht mehr zu der Meinung stellen, daß der Orden durch seine kriegerischen Maßnahmen die Völkervernichtung bewirkt habe. Daß er mit dazu beigetragen hat, soll allerdings nicht bestritten werden.

Nicht zutreffend erscheint auch die bis vor kurzem wohl all­gemein anerkannte, noch weitergehende Ansicht, daß der Orden die Wildnis im östlichen Ostpreußen geradezu „gewollt", sie also aus strategischen Gründen planmäßig geschaffen halte. Abgesehen von dem bereits Vorgebrachten, seheint mir der stärkste Gegen­beweis gegen die Annahme einer strategischen Absicht die Stra­tegie selbst zu sein. Der Deutsche Orden hatte die ganze Zeit bis zur Schlacht bei Tannenberg, also bis 1410, offensive Absichten gegen Litauen, zum mindesten gegen Zemaiten, während die Li­tauer sich, obwohl sie gelegentlich zu Gegenstößen ansetzten, in der Defensive befanden. Wer mußte nun aber den größeren Vor­teil von einer so breiten (durchschnittlich 150 km!) völlig siedelungsleeren Wildnis haben! Tatsächlich geht aus allen diesbezüg­lichen Nachrichten hervor, wie sehr der Orden in jeder Weise bei allen seinen Unternehmungen gegen Litauen mit den Schwierig­keiten zu kämpfen hatte, die durch den Wildnischarakter des Grenzgebietes bedingt waren. Es wäre bei der weitschauenden Politik des Ordens ein übergroßer Fehler gewesen, wenn er eine Maßnahme ergriffen hätte, die ihm zwar einen gewissen, dem Gegner jedoch einen viel größeren Vorteil brachte. Die An­sicht, daß der Orden die Wildnis gewollt habe, ist kaum mehr haltbar. Es handelt, sich bei der Wildniswerdung auch im ost­preußischen Gebiete um einen großartigen Vorgang, dem gegen­über der Orden machtlos war, den er weder bewirken noch ver­hindern konnte.



Nach 1400 setzt nun ein Vorgang ein, der, für sich ge­nommen, ebenso eigenartig ist wie der Vorgang der Wildniswerdung außerhalb der litauischen Volksgrenze. Der litauische Raum, wie er 1400 im Westen und Norden abgegrenzt war, vermag die in ihm wohnenden Litauer nicht mehr zu fassen, und von ungefähr 1450 an beginnt eine erstaunliche litauische Expansion nach Westen und Norden.

Am besten bekannt sind die Verhältnisse auch hierbei wieder im Westen, dessen Besiedlung auf ostpreußischem Boden von Gertrud Mortensen bis zum Jahre 1618 in einer seit 1920 dem Er­gebnis nach fertigen, allerdings noch nicht veröffentlichten Unter­suchung klar gelegt worden ist. Von den preußischen Herzögen geduldet dringen dort die Litauer schier unaufhaltsam vor und besiedeln in allmählichem Vorschreiten das gesamte Wildnisgebiet. Mehrere Haupteinwanderungswege kann man aus der Verteilung der litauischen Siedelungen, wie sie, für 1540 mit völliger Genauig­keit erfaßbar ist, erkennen. Einmal eine teils litauische, teils ku­rische Besiedelung ganz im Norden des Memellandes, die offenbar wesentlich von Norden und Nordosten gekommen ist längs der großen, von Norden kommenden Flüsse, insbesondere längs der Dange und der Minge und auch längs der Küste. Eine weitere Gruppe siedelte sich längs des Wilkischker Höhenzuges und der Jura an, die als Leitfluß für die Einwanderung gedient haben dürfte. Die Memel zog natürlich ebenfalls die Einwanderung an sich, aber bemerkenswerterweise nicht etwa in einem ihrer Größe entsprechenden besonderen Maße. Sie war für den bäuerlichen Siedler nichts anderes als jeder andere Fluß, z. B. die Szeszuppe, längs dessen er vorging. Ein weiterer, nicht ganz so konzentrierter Siedelungskern befindet sieh westlich und südöstlich des Wystiter Sees. Auch dort sind die Siedler offensichtlich den Flüssen ge­folgt. Daß die Besiedlung des Gebietes zwischen der litaui­schen 1400-Grenze und der ostpreußischen Grenze der des östlichen Ostpreußen vorauf oder aber parallel ging, ist anzu­nehmen.

Im ganzen ist die Besiedelung der Wildnis auf ostpreußischem Boden 1540 bei weitem noch nicht abgeschlossen. Die Ostgrenze des preußischen Siedelungsrauines ist noch nicht erreicht: nur bei Insterburg berührt sich die vorderste Spitze der längs der Inster gekommenen litauischen Siedelungslinie mit der preußischen Siede­lungslinie längs des oberen Pregels. Unter den noch vorhandenen Wildnisflächen befindet sich auch das Gebiet östlich der Deime, dessen Flüsse quer zur Hauptrichtung der litauischen Einwanderung verlaufen. Es ist interessant, daß es gerade dieses Gebiet ist. das auch im weiteren Verlauf der Wildnisbesiedlung als allerletztes von den Litauern besetzt wird, und zwar auch in dem Teile, wo die Bodenfeuchtigkeit der Besiedelung keineswegs hinderlich war.

Ganz allmählich schreitet die Erweiterung des Siedelungslandes und die Verdichtung der Bevölkerung fort. Wenn wir auch für die Zeit nach 1618 uns nicht mehr auf eine Einzeluntersuchung stützen können, so können wir doch den Zeitpunkt des Endes der litauischen Einwanderung nach Ostpreußen mit ziemlicher Ge­nauigkeit angeben. Es ist der Beginn des 18. Jahrhunderts. In dieser Zeit findet nämlich ein Vorgang statt, den wir bisher eigent­lich nur als einen fürstliehen Willensakt kennen, der aber doch offenbar in den großen Zusammenhang hineingehört: die Chatoul-siedlung. Die Durchmusterung der Chatoulsiedlungen nach dem Goldbeckschen Ortsverzeichnis ergibt, daß es sich auf unserem Gebiet fast ausschließlich um litauische Siedlungen handelt, und zwar durchgängig Siedlungen, die die noch vorhandenen großen Wälder vom Rande her aufzehren. Diese Chatoulsiedlung. die dem Fürsten seine Privatkasse füllen sollte, war nur möglich, weil ge­nügend litauische Siedler zur Verfügung standen. Sie ist somit der letzte A usk1ang d e r großen 1 i ta u is chen Expansion nach Ostpreußen hinein.

Der äußere Anlaß für das Zerbrechen der litauischen Lebens­kraft auf ostpreußisehem Gebiet, und vielleicht auch die tatsäch­liche Ursache, war die große Pest zu Beginn des 18. .lahrhunderts. Sie wütete in den litauisch besiedelten Teilen Ostpreußens beson­ders stark, und mit ihr war dort eine erhebliche Entvölkerung verbunden. Die Litauer haben sich von diesem Schlage nie wieder erholt.

Nördlich und n o r d östlich der ostpreußischen Gr enze sind wir über die litauische Expansion leider vorläufig nicht so gut orientiert wie für den ostpreußischen Anteil des Wildnisge­bietes. Immerhin ist einiges deutlich erkennbar. Das westliche T i ef z e m ait en, das ungefähr der alten Landschaft Ceclis ent­spricht, ist heute litauisch besiedelt, und wir können, insbesondere aus den Kirchengründungen, vermuten, daß die Besiedlung unge­fähr zur selben Zeit vor sich gegangen ist wie die Besiedlung des östlichen Ostpreußen. Im nordwestlichen Hochzemaiten hat die Besiedlung sogar wahrscheinlich sehr bald nach 1400 be­gonnen .

Im Königsborgor Staatsarchiv gibt es eine Abteilung "D (Invasion der Litauer im Amte Grobin 1511 f.). deren Inhalt mir allerdings nicht bekannt ist. Schon der Titel sagt jedoch genug. Grobin liegt nämlich unweit östlich Libau, und wenn auch nur ein abgelegener Teil des Amtes von der litauischen Invasion betroffen sein mag. so erkennen wir doch, daß die litauische Expansion hier im Nordwesten ebenfalls in die Zeit um 1500 zu setzen ist. Anch die Gründungsurkunde der Stadt Jobannisburg-Schoden vom Jahre 1572 läßt eiue litauische Besiedlung in jener Zeit erkennen. Wie weit Kuren an dieser Neubesiedlung beteiligt gewesen sind, wird spätere Forschung noch klären müssen.

Im mittleren Norden hat ein litauisches Vordringen nach Norden ebenfalls stattgefunden, denn heute befindet sich die li­tauische Volksgrenze, die sich dort ziemlich genau mit der heutigen politischen Grenze deckt, wesentlich weiter nördlich als 1400 , und zwar naturgemäß merklich außerhalb des Memeleinzugsgebietes. Die heutige Grenze ist in keiner Weise natürlich bedingt, was auf den ersten Anblick befremdlich ist. Sie ist gegenüber der natür­lichen Grenze. der Wasserscheide nämlich, durch die litauische Ex­pansion nach Norden verschoben und hat dadurch einen mehr zu­fälligen Charakter erhalten. Auch hier im mittleren Norden können wir über den Zeitpunkt des litauischen V ormarsches Angaben machen. .Bielenstein erwähnt nämlich eine die Mitte des 17. .Jahrhunderts betreffende zeitgenössische Darstellung, nach der im Frauenburgisohen und Eserschen viel Litauer neben den Letten wohnen. Bielenstein schließt daraus und aus anderen Tatsachen (a. a. O. S. 386), daß die Litauer im 13. Jahrhundert weiter nach Norden gereicht haben, weil er sich die Litauer nur im Rückgange vorstellen kann. Wir dürfen umgekehrt schließen, daß dies so un­gefähr die nördlichste von den Litauern erreichte Gegend ist und daß die Wanderung der Litauer ungefähr in jener Zeit ihren Höhe­punkt erreicht hatte, also zur selben Zeit wie in Ostpreußen. .Die Tatsache der Einwanderung der Litauer war übrigens, wie man aus einem von Bielenstein mitgeteilten (a. a. 0.), allerdings nicht in dieser Richtung ausgewerteten Bericht eines dortigen Litauers entnehmen kann, diesem Litauer durch mündliche Überlieferung noch bekannt. Heute sind diese Litauer lettisiert; sie haben also ein ähnliches Schicksal gehabt wie die heute germanisierten Litauer in Ostpreußen.

Wenn die litauische Expansion nach NNW bereits im 17. .Jahr­hundert bis weit in das heutige Kurland geführt hat, so dürfen wir auch für die östlicher gelegenen Gebiete, also den Südteil des Mitauer Zungenbeckens. ungefähr dieselbe Zeit für das litauische Vordringen annehmen.

Im Nordosten wissen wir über den Zeitpunkt des litauischen Vordringens bisher nichts. Auf jeden Fall sind die Litauer auch im Nordosten nach 1400 in die sie, umgebende Wildnis eingedrungen, haben hier, wo sie ursprünglich die Memel-Wasserscheide noch nicht erreicht hatten, diese Wasserscheide sogar überschritten und sitzen heute verstreut auch nördlich der Düna.

Wenn wir das erhaltene Bild in seiner Gesamtheit überschauen, so erkennen wir, daß es überaus geschlossen ist. Um 500 die Wohnsitze eines Teiles der Balten, insbesondere der Litauer. noch weit von der Küste weg, ja bis jenseits der konti­nentalen Wasserscheide, ein anderer Teil bis zur Ostseeküste vor­gedrungen. Einige Hundert .lahre später die Litauer bereits mit ihrer ganzen Masse im Einzugsgebiet der mittleren MemeL Die meisten übrigen Balten außerhalb des mittleren Memelgebietes sind im Abziehen begriffen oder sterben aus. Ihr ehemaliges Gebiet wird Wildnis. Nach einer merklichen Pause setzt die vorher zur Ruhe gekommene litauische Wanderung wieder ein, und die Litauer be­setzen nun die verlassenen Gebiete der nichtlitauischen Völker. Sie sind es, die die große baltische Völkerwanderung bis in den Beginn des 18. .Jahrhunderts fortgesetzt haben.

Die Gründe für das Aussterben der nichtlitauischen Völker sind uns ebenso wie überhaupt die Ursachen der baltischen Wan­derung nicht klar. Buga glaubt, daß die Balten von innen durch die Slaven gedrängt seien. Das ist an sich nicht zu widerlegen. Immerhin muß man beachten, daß innerhalb der baltischen Völker von einem solchen Drängen der zentraleren auf die randlicheren Völker nicht viel zu bemerken ist. Wir finden immer nur ein Nachrücken von Litauern in die von den übrigen Völkern seit längerem verlassenen Räume, nicht jedoch eine Überlageriing der alten Völker durch die Litauer .

Wir haben somit dieselben Probleme, wie sie uns die germa­nische Völkerwanderung seit langem bietet. Auch da finden wir Völker ohne ersichtlichen Grund in Bewegung: auch da hat man bei intensiverer Untersuchung häufig festgestellt, daß von einem Drängen, insbesondere seitens der Slaven, längst nicht überall die Rede ist. Ob es im baltischen Gebiete Klimaänderungen sind, die den Völkern ihre ursprünglichen Wohnsitze so verleideten, daß sie aussterben oder aber immer wieder weiter wandern mußten, ob es eine gewisse Selbstzerfleischung durch dauernde Kämpfe gewesen ist oder irgend etwas anderes, wir wissen es nicht. Wir können uns nur damit trösten, daß wir die letzten Ursachen der germa­nischen Völkerwanderung, obwohl diese viel besser durchforscht ist und nicht erst seit 7 Jahren, ebenso wenig kennen.
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