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Russische und Preussische Litauer (1918)
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Lutz Szemkus
Posted 2008-05-13 00:50 (#51305)
Subject: Russische und Preussische Litauer (1918)


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Max Niedermann (1874 - 1954) war Schweizer Altphilologe und Baltist, er
gründete in Basel das Seminar für Indogermanische Sprachwissenschaft und
war Rektor der Universität Neuenburg.. Mit Alfred Senn und Antanas Salys
gab er das Wörterbuch der litauischen Schriftsprache, Litauisch -
Deutsch (1926 - 1966) heraus.

Max Niedermann
Russische und Preussische Litauer (1918)

Das Morgenblatt der «B. N.» [Basler Nachrichten] vom 28. Oktober brachte
eine Pressenotiz des litauischen Informationsbureaus in Lausanne des
In­halts, dass Wilson dem Präsidenten des litauischen Rates in
Washington ein Dokument übergeben habe, worin er Litauen als
unabhängigen Staat an­erkenne mit der Zusicherung, dass alle litauischen
Gebiete einschliesslich Ostpreussens bis Königsberg dem litauischen
Nationalstaat würden einver­leibt werden. Da für die Neugestaltung
Europas beim Friedensschluss als oberster Grundsatz das
Selbstbestimmungsrecht der Völker gelten soll, so kann die von Wilson in
dem genannten Schriftstück abgegebene Erklä­rung doch wohl nur so
verstanden werden, dass es den rund hunderttausend preussischen Litauern
freigestellt werden müsse, ob sie aus dem Staatsver­band, dem sie
zurzeit angehören und seit Jahrhunderten angehört haben, austreten und
sich dem von den zweieinhalb oder drei Millionen Litauern der früheren
russischen Gouvernemente Kowno, Suwalki und Wilna zu be­gründenden
autonomen Litauen anschliessen wollen oder nicht. Mit andern Worten, es
wird hier wie vermutlich noch in vielen andern Gegenden eine
Volksbefragung stattzufinden haben, auf deren Ergebnis man nicht zuletzt
in der Schweiz gespannt sein darf.
Bekanntlich sind die preussischen Litauer evangelisch, die russischen
dagegen der ganz überwiegenden Mehrzahl nach strenggläubige Katholi­ken.
Irgendwie nennenswerte nationale, kulturelle oder wirtschaftliche
Be­ziehungen zwischen beiden haben bis anhin nicht bestanden, es sei
denn, dass man dahin den schwunghaften Bücherschmuggel rechne, der
während der Dauer des berüchtigten Murawiowschen Druckverbotes
(1865-1904) aus dem preussischen nach dem russischen Litauen betrieben
wurde und der übrigens in der Hauptsache von über die Grenze gekommenen
russi­schen Litauern organisiert war. Der durchschnittliche Stand der
Volksbil­dung ist im preussischen Litauen ein ungleich höherer als im
russischen, wo es, wie von Prof. Bezzenberger in Königsberg unter einer
grossen Zahl russischer Kriegsgefangener litauischer Nationalität
angestellte Erhebungen neuerdings bestätigt haben, noch immer
erschreckend viele Analphabeten gibt. Die Schuld hieran trägt übrigens,
wie gerechterweise sofort beigefügt werden muss, keineswegs das
litauische Volk Russlands, das im Gegenteil
durchaus bildungsfreundlich ist und bei manchen Gelegenheiten bewiesen
hat, dass es für sein Schulwesen gerne Opfer bringt, sondern die
chauvinisti­sche russische Beamtenschaft, die teilweise unter
Missachtung gesetzlicher Garantien die litauische Unterrichtssprache
nach Kräften aus den Volks- und den Mittelschulen zu verdrängen bemüht
war, und ferner auch die polnische Geistlichkeit, die insbesondere in
der Diözese Kowno stets sehr aggres­siv gegen die national-litauischen
Bildungsbestrebungen vorgegangen ist. Anderseits gibt es namentlich
unter den nach Amerika ausgewanderten rus­sischen Litauern, die sich
dort zu eifriger Pflege des heimischen Volkstums zusammengetan haben und
ihre geistige Entwicklung in voller Freiheit för­dern konnten, eine
wissenschaftlich, literarisch und politisch bedeutende und vor allen
Dingen für die nationalen Aspirationen begeistert tätige In­telligenz,
während eine solche unter den rein bäuerlichen, ziemlich
materia­listisch veranlagten preussischen Litauern so gut wie gänzlich
fehlt.
Als das einzig Gemeinsame der beiden in Rede stehenden ethnischen
Gruppen verbleibt somit die Sprache, und selbst in dieser Beziehung sind
noch gewisse Vorbehalte zu machen, insofern als die Entwicklung des
li­tauischen Idioms hüben und drüben sehr verschiedene Wege gegangen
ist. Politische Grenzen führen ja ganz allgemein mit Notwendigkeit zu
sprach­licher Differenzierung, und wenn diese Grenzen den Verkehr so
stark un­terbinden, wie das bei der russischen der Fall war, so wird
dadurch der Differenzierungsprozess natürlich gefördert und
beschleunigt. In der Tat ist das Litauische in Preussen im Laufe der
Zeit stark unter den Einfluss des Deutschen und in Russland womöglich
noch stärker unter den verschiede­ner slawischer Sprachen, vorab des
Polnischen, ferner des Weissrussischen, des Kleinrussischen und in den
letzten Dezennien auch des Grossrussischen geraten, sodass nachgerade
zwischen den beiden Zweigen recht erhebliche Unterschiede bestehen. Und
zwar betreffen diese Unterschiede nicht bloss den Wortschatz, der hier
stark mit deutschen und dort mit einer Menge slawischer Fremdwörter
durchsetzt ist, sondern, was schwerer ins Gewicht fällt, es haben auf
die Phraseologie und die Syntax des preussischen Litauers die deutschen,
auf die des russischen Litauers die slawischen Denkgewohn­heiten in
weitem Umfang abgefärbt. Eine Tageszeitung ist nicht der Ort, um diese
Begründung im einzelnen zu begründen, aber sie sei wenigstens durch je
eine Probe veranschaulicht. So wird der russische Litauer zwar wohl
erraten, aber nicht eigentlich verstehen, was gemeint ist, wenn er
sei­nen Sprachgenossen von jenseits der Grenze sagen hört: daryk, kad
szalin
pareisi, denn diese Wendung lässt sich nur als wörtliche Übersetzung des
deutschen «mach, dass du fortkommst» begreifen. Oder: der echtlitauische
Ausdruck für «vielleicht» lautet rasi: der russische Litauer braucht
dafür jedoch gewöhnlich vielmehr gal büti oder auch nur gal, womit er,
ihm sel­ber mehr oder weniger unbewusst, einfach russisches mozhet buit'
bzw. polnisches mozhe nachahmt. Wenn Sienkiewicz einmal einer seiner
Roman­figuren den Ausspruch in den Mund legt, Die litauischen Wörter
seien im Grunde genommen nur polnische mit angehängtem as, so zeigt dies
ja al­lerdings zunächst nur, wie sich der Pole dem Litauer gegenüber
gerne bei jeder Gelegenheit als der Kulturbringer aufspielt, indessen
darf man doch vielleicht zugleich daraus entnehmen, dass die Beimischung
slawischer und vor allem polnischer Bestandteile im Litauischen immerhin
eine sehr au­genfällige ist.
Wir sehen also, der preussische Litauer ist vom russischen durch
kon­fessionelle und kulturelle Gegensätze scharf geschieden; er hat
dessen na­tionalpolitischen Bestrebungen bisher teilnahms- und
verständnislos gegen­übergestanden und selber niemals irgendwelche
separatistischen Absichten geäussert. Angesichts der Imponderabilien,
mit denen uns der gegenwärtige Weltkrieg rechnen gelehrt hat, wird man
es nun zwar vielleicht nicht als von vornherein als ausgeschlossen
bezeichnen wollen, dass er trotz allen tren­nenden Merkmalen sich
dennoch am Ende dafür entscheiden könnte, seine Zukunft auf die Karte
«Grosslitauen» zu setzen, aber wir Schweizer ver­möchten es jedenfalls
nicht zu billigen, wenn er gegen seinen Willen dazu gebracht würde, denn
abgesehen von der moralischen Verwerflichkeit ei­nes solchen Verfahrens
sähen wir darin einen für den Fortbestand unseres eigenen Staatswesens
bedrohlichen Präzedenzfall. Nebenbei sei hier übri­gens auch noch
richtig gestellt, dass das litauische Sprachgebiet nicht, wie die
eingangs erwähnte Zeitungsmeldung glauben machen könnte, westwärts bis
nach Königsberg reicht; sein westlichster Punkt ist in Wirklichkeit
selbst unter Einrechnung der gemischtsprachigen Gebiete, in denen die
Litauer nur noch einen geringen Bruchteil der Gesamtbevölkerung
ausmachen, et­wa Labiau.
Man missdeute die vorstehenden Ausführungen nicht. Wir freuen uns
aufrichtig, dass es Litauen allem Anschein nach endlich vergönnt sein
wird, sein Geschick in die eigenen Hände zu nehmen, und wir besitzen
auch Ver­ständnis dafür, dass seine künftige Regierung sich verpflichtet
fühlt, keinen
der Faktoren ausser acht zu lassen, die geeignet scheinen, zur Stärkung
und Sicherung der seit langem angestrebten und nunmehr in greifbare Nähe
ge­rückten Unabhängigkeit beizutragen, zumal das neu erstehende Polen,
von dem sich die Litauer nach den Erfahrungen des Vergangenheit keines
Guten zu versehen haben, bereits machthungrig nach allen Seiten seine
Fangarme ausstreckt. Aber wir sind der Meinung, dass dieses Ziel auf
andere Wei­se viel wirksamer erreicht werden kann als durch die
Angliederung der litauisch sprechenden Preussen, die ja, auch wenn sie
nicht erzwungen wer­den müsste, zahlenmässig nur geringe Bedeutung
hätte. Als ein solches wirksameres Mittel wäre beispielsweise zu nennen
der Zusammenschluss in der oder jener Form mit den acht Millionen
Weissrussen, mit denen die russischen Litauer von jeher gute
Nachbarschaft gehalten haben und die ih­rerseits auf eine Rückendeckung
gegen die polnischen Expansionsgelüste bedacht sein müssen. Auch eine
Interessengemeinschaft mit den Kleinrus­sen, d. h. den Ruthenen und den
Ukrainern liesse sich denken und ist unseres Wissens auch bereits von
einsichtigen litauischen und ukrainischen Politi­kern ernstlich erwogen
worden. Mögen die dazu Berufenen diese inneren Angelegenheiten ordnen
wie immer sie dies aus ihrer Kenntnis der in Be­tracht kommenden
Verhältnisse heraus glauben tun zu sollen; in jedem Falle darf Litauen
versichert sein, dass in der ältesten Demokratie Europas seine Befreiung
von langer Bedrückung mit den lebhaftesten Mitgefühlen begleitet wird.
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Lutz Szemkus
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